November

erster der vier dunklen Brüder
du November senkst das Augenlid
erst der Februar wird es wieder
heben

ihr vier dunklen füllt die Zisternen
legt Flüsse an aller Bäume Wurzeln

du schiebst bereits am Nachmittag
die Lore in den Schacht dann heulen
in morschen Balken alte Sagen

die langen Abende helfen all meinen
Besitz zu zählen anzusehen wieder zu
finden zu fühlen wie verdientes Glück

wie eine Decke am Flußufer wie
lauer nachlassender Wind
bleiben Schilfgras und Sperberflug

Regenwunsch

ich schließe am Abend Neun Uhr alle Türen stelle die Schuhe

in den Flur es beginnt erst mit leichtem Niesel bald aber

schwere Tropfen die windlos lotrecht hinab zur Erde

fallen auf Gebüschdornen landen sich zerteilen auf

Grashalmen oder traurigen Rasenstücken zerplatzen

auf Laubblättern Kiefernnadeln geschlossenen Blüten

am Abend Zehn Uhr regnet es noch immer schon Elf Uhr

sind die Wurzeln von Rasen und Gras bereit Wasser abzugeben

weiterzureichen also rinnen erste Ströme eilig Maulwurfs- und

Mäusegänge hinab

es regnet Mitternacht und auch noch Ein Uhr im Erdreich sind

nun die oberen Regionen der Baumwurzeln feucht umhüllt

dicht an der Wurzelhaut auch in Regenwurmgängen tropft es

Regen nachts Drei Uhr nachts um Vier Uhr Rascheln im

angekippten Fenster Tropfenfallen Rauschen klimperndes

Regenblech nun hebt das Grundwasser hunderte Handmulden

empor sieht dem Auffüllen zu kippt die Mulden aus dreht sie

zurück füllt sie erneut kippt sie aus dreht sie zurück

füllt neu träumt von früherer Durchfeuchtung und endlich

wirft sich der gesamte Himmel auf die Erde jeden Durst

zu beenden starr Hoffende zu belohnen aufzuweichen

Unkraut sprießt am Gassenrand es regnet bis Sechs Uhr

bis Sieben nun hebt Morgenlicht den Himmel an…

(Regen setzt am Abend erneut ein wieder um Neun)

Tiere fliehen vorm Menschen

ein Virus gab ihnen Platz die

Erde für drei Monate zurück

Wildgänse landen auf Feldern

welch Vertrauen

Adler saß dennoch auf einem

überfahrenen Fuchs

nun rollen die SUVs wieder

transportieren je einen Mann der

zwischen 60 und 100 Kilo wiegt

und zwei Hefter mit Kopien

sich einschränken um zu gewinnen

zu kompliziert

Auf der Schnellstraße

wind zerteilt die zerfransten reste abgeregneter wolken
nun hebt erhellt sich der himmel
bis in den weltraum

erwachsensein bedeutet kompromisse machen vor allem
gemacht zu haben
sich selbst verzeihen wird notwendig kompromisse

machen die einen müde andere legen sie beiseite
wie abgewaschenes besteck in die schublade falls
wir‘s erneut brauchen, wird es da sein falls nicht
quält es unsere augen kaum

sie fühlen die schmerzen der müden nicht die müden
jedoch müssen festklebende spinnweben von den augen
streifen stille

plötzliche nachmittage der himmel so hoch
freigewaschen sich dehnt wir sehen
die ISS mit bloßem auge

Weil wir es lieben

das Frühaufstehen, das mit schlechter Laune jeden Tag

Frühaufstehen, das mehrfache Sich-in-den-Ampelstau

stellen fluchend, bis zum Frühstück müde, reichlich

Arbeit bis mittags, Essenpause im Transporter, Bock-

wurstplaste und Bäckereitüte ab in den Straßengraben

-Für Greta!- frei, aufmüpfig, lässig fliegt die

Feierabendbierbüchse in den Wald

Lange Fahrt nach Hause -Können uns nicht aussuchen,

wo die Aufträge sind- rote Sonne sinkt in ausgetrocknete

Gräben, wir lieben es, sind stolz auf unsere Zuverlässigkeit,

Pünktlichkeit, niemand sonst kann das, ich wüßte nicht wer

Erste Gebrechen mit Mitte Vierzig, drei Wochen krank,

früher unvorstellbar, weitere drei Woche Reha, Samstag-

abend nach zwei Bier betrunken, unvorstellbar, Kinder

werden frech, die Frage an den Großen: „Denkst du etwa,

mir macht das Spaß!“ ist nie eine Frage, ist am Himmel

ein Fünfzigmeterbanner Stolz

Ja, alle haben mehr Geld als wir, aber wir sind die

tüchtigsten, wir sind wer, weil wir es lieben, wir sind

die, die immer zahlen, Dauerauftrag Lastschrift, die,

denen der Rest der Welt frech in die Fresse lacht…nein,

komme mir nicht mit Veränderungen, wir lieben es

Gleiche Lebensverhältnisse

Wir schauten uns 1990 den Westen an:

Stadtzentren zugebaut, Waldwege asphaltiert,

überall Verbundstein; aseptische Fugen.

Wollten wir das auch?

Auf dem Sofa sitzend, rein alles in Geld

umrechnen von 18 bis 22 Uhr Preise vergleichen,

„Angebote“ prüfen, nach Rabatten forschen?

Kostbare Lebenszeit…

Und alle Lebensmittel enthalten Zucker oder

Koffein damit es unter der Hirnschale ständig

klappert, der Blick nie ruht.

Alle vier Jahre eine neue Küche. Wollen wir das?

Ja, Männerbünde kannten wir schon,

Verwaltungstricks kannten wir schon,

Abwasserverband noch nicht…

Gleiche Lebensverhältnisse? Industrie im Westen,

Käufer im Osten, Sprit in Polen, Bier von den

Tschechen, in Werbepausen pullern gehen…

Gleiche Lebensverhältnisse? 300 000 Festgeld

auf dem Konto, wollen wir das?

Um Gotteswillen: Ja.

Ich geh‘ spazieren… bin in der Nähe.

stand am Ende eines schwierigen Tages auf dem Display

das änderte wenig am vorangegangenen hob aber

beide Füße vertrieb Schmerzen heitere flügelige Zartheit

verließ die raffiniert gewählten Verstecke drang

zwischen Betonblöcke die Straßenlampen überragen

allen Lärm sogen die Gullies fort

Eine

diese Frau hörte zu, hatte ihre Umgebung betrachtet,

ohne Eile, blickte in sich hinein, sagte dann leise ja

oder das krieg ich hin, der Blick beglaubigte es, ihre

Gedanken blieben verborgen, von den zwei Arten

der Eigenliebe, war die echte ihre, jene die nicht lärmt,

nicht ständig erneuert werden muß, Zweifel gab es,

jedoch kein Genuß am Zweifel, ein Fleck auf der Hose

machte sie kaum nervös, sie brachte es fertig ihr Haar

zwei Tage lang nicht zu waschen, wir stiegen hinauf

zur Aussicht, sie blickte selber Grashalm

undurchdringlich zum Himmel liebevoll zum Tal

70/30

Der Rasentraktor guillotinierte Ende Februar erste Blüten,
sorgte für gleiche Höhe, für nur eine Farbe. Und abends
warf die enorme Bildschirmdiagonale
Angst in die guten Stuben.

Pro Braunkohle-Mietmäuler drangen in die Presse, zogen
schwermütigen Bogen übers Cello Vergangenheit, heulend
von Hölle und Weltende…

Dreißig Menschen warfen ihre beste Hose, ihr edelstes Hemd
über, liefen damit in den Sumpf, versanken aufrecht, bis der
luftlose Morast über ihren Häuptern zusammenschlug.

Dreißig Menschen im besten Hemd, in ihrer guten Hose,
Rabattkarten in den Hosentaschen, öffneten die Augen
im Morast und sahen schwarz.

Allein nun hämmert der Rasentraktor über den gepflasterten
Hof, noch immer Vollzug meldend. Schweigen unterm
Carport zwei Autos, Pupillen und Zylinder unbewegt.
Benutzte Handtücher im Bad mit den zwei Waschbecken.

Vor guter Laune berstende, muntere Sprecher der
Privatradios unterbrechen Kirmesschlagertechno,
nennen Trockenheit schönes Wetter.

Dreißig Menschen, wollen ihr Dasein für immer ohne
Sauerstoff zubringen. Siebzig möchten atmen, sich
über etwas freuen, täglich.
Siebzig-dreißig, seltsame Schaukel.

Im Fluge

Mir legte das Alleinsein

Seile um die Knöchel,

Steine an den Seilenden,

Zog die Knoten fest

Tag für Tag

Dann warf es die Steine

Alle zugleich

Hoch über die weite See

So fliege ich fliege

Segle

Schaue

Überall Hochwasser

Überall Dürre