Das Flurtischchen

Dezember 2017

Er stößt die Schlüsselspitze ans Türschloß, verkantet sie in drei Richtungen, keine Andeutungen von Einlaß. Dann zieht er sie zurück, probiert den zweiten Schlüssel. Der fährt ein, schließt. Er öffnet die Tür, auf der viele Farbschichten ruhen, helles Besch die letzte. Er tritt beiseite. Zwei Türflügel, er öffnete den breiteren. Die Glasscheibe ist längst durch ein Brett ersetzt und offenbar vorm letzten Anstrich. Er legt seine Finger darauf, vermutet zwei Anstriche.
Sie geht voran, blickt in einen kleinen Flur: In dem wartet ein rundes Tischchen, mit einem runden Tischtuch. Auf dem liegen ein Faltplan mit Werbung und ein vierteljährlicher Veranstaltungskalender voller Inserate.

Er folgt ihr, schließt die Tür mit Knauf draußen, legt die Schlüssel aufs Tischchen, auf den vierteljährlichen Veranstaltungskalender. Sie steht auf der Türschwelle des Zimmers, schaut auf die Betten, zu den dunkelbraunen Vorhängen vorm angekippten Fenster. Er öffnet, nun einen Schritt hinter ihr, die Tür zum Bad, registriert, während sein Leib ihren wahrnimmt, Dusche, gefaltetes Fußhandtuch, Toilette, Toilettendeckelbezug, ein Spiegel, zwei Plastebecher. So stehen beide, jeder unter einem Türrahmen, gut bei Erdbeben. Schlüssel liegen auf dem Tisch, die Tür ist nur zugezogen. Jetzt könnte sie noch gehen, denkt er. Gibt ihr noch eine ganze Sekunde. Sich auch.
– Sie hatten sich im Park geküßt. Unter aller Augen. Der Wind hatte sekundiert, die jungen, silbrigen Pappelblätter zugestimmt. Aber paarweise Ruheständler waren aufdringlich nah stehengeblieben. Einzelne Männer waren, scheinbar sorgloser Notdurft nachgehend, an Gebüsch getreten, jedoch ohne ihren Hosenstall zu öffnen. Aus frisch aufgeschütteten Laubhaufen blinkten matte Augenpaare, dazu das schwarzstumpfe Ende eines Richtmikrophons. Sie hatten sich vorsichtig geküßt, als wäre der andere aus dünnem Glas. Sich fragend geküßt. Mit ruhenden, abgelegten Händen. Stellt sich das ganze als Irrtum heraus, muß man nicht so viel rückgängig machen. Aus dem Park hinaus und in die Gasse zur Pension war ihnen seltsamerweise keiner gefolgt.-

Nun schweigen Tür und Vorhänge, sperren zufällige Augenpaare und Ratschläge auf dem Sprung aus. Nehmen wir ein Zimmer? hatte er ganz dicht an ihrem Ohr geraunt. Gut, sagte sie mit plötzlich dunkler Stimme, als spiele jemand das Band zu langsam ab.
Nun zieht er die Badtür heran, unternimmt den Schritt in ihre Richtung. Er verspürt blanke Lust, rücken Liebe, Romantik, Familie gründen, Treue, Eifersucht, Älterwerden, all der Hokuspokus in die Warteschleife.
Sie dreht sich sofort, wendet sich ihm zu, scheu, unentschlossen, sicher. Ihre Arme fliegen zu seinem Kopf hinauf. Er streicht mit zwei Fingern ihren Hals hinab, küßt sie aufs Haar, sagt: Das ist jetzt unser Zimmer. Sie sagt: Komm, sage noch etwas freundlicheres.

War doch freundlich.

Sie lehnen aneinander. Hose an Hose, Hüfte an Hüfte, Brust an Brust. Er küßt sich ihren Hals entlang, sie atmet etwas kräftiger, doch er weiß: Ganz bei der Sache ist sie nicht. Ihre Finger tippen ungeduldig auf seinem Hemdkragen. Komm Junge, etwas freundliches, sonst gehe ich wirklich noch.

Auf Gras

Sie war eine von diesen Frauen,

die auf Gras blicken, selber innen

aus Gras sind, Frauen, die wenig essen,

kaum etwas trinken, selten Musik hören

– Die Welt ist ohnehin so laut und

Insekten musizieren doch auch, die

Metalle in der Erde musizieren -.

Sie sagte: Menschen tun so etwas.

Wenn ich etwas entrüstet berichtete.

Oder begeistert berichtete, sagte sie

es im selben Ton. Sie blickte auf Gras

wie auf ein Gemälde oder wie

in einen Sechszylindermotor.

Oder wie ins Herz der Gravitation

und dem der Erdgeschichte – Leute,

die etwas wissen reden wenig -. Oft

lächelte sie ihre Klugheit zu entschuldigen.

Einige Jahre später erst hatte ich

begriffen, daß sie mich mochte.

Die Geldmaschine

Die Geldmaschine

beschenkt Leute, die längst genug und
zuviel haben. Das ist ihre einzige Aufgabe.

Sie wohnt in einem Haus ohne Adresse.
Drin ein Kopf ohne Gehör.

Die Schlichten, die Rassisten der Welt
brüllen seit vier Jahren lauter als zuvor.

Ihr Respekt vor der Geldmaschine ist so enorm,
daß sie Ersatzgegner fanden.

Gebildete, Demokraten und Menschenfreunde
schimpfen auf die Schlichten, die Besorgten.

Auf die Rassisten und künftigen Mörder.
Aus dem selben Grund:

Sie finden kein Wort für die Geldmaschine.
System? Bankenirrsinn? Lobbyismus-Geschwür?

Die Geldmaschine verteilt auf viele Leiber
zeigt sich einsichtig, doppelbödig, kichert, lobt.

Lobt Tüchtigkeit. Professoren steuern
Statistiken bei. In ihre offenen, alten Münder

fallen Drittmittel-Erdnüsse. „Erkenntnisse“ hetzen
Mittelschicht und Unterschicht aufeinander

bald Scherben auf der Grundstücksbegrenzung
und Kameras, Kameras, rote Schalter

Bewegungsmelder melden Wind und Spatzen
Jeder kann es schaffen, doch Münzautomaten

und selbstreinigende Klobrillen vertrieben
die Klofrau. Das ist nicht die Geldmaschine,

das ist Technik. Doch Entscheidungen treffen
immer noch Menschen. Keiner ist schuld,

die Geldmaschine erhob sich wie ein Metall
aus der Erde, in nebliger Nacht, Anfang Januar.

dennoch sind die am schlimmsten, die all das
verlogene Faul und Fleißig nachplappern
ohne dafür Geld zu kriegen.